Portraits by M-A-Russ


"MICHAËL RUSS OU LA BEAUTE DU GRAIN

Michaël Russ a pratiqué tous le moyens d'expression"
Vogue Hommes


New Yorks Modebranche war für Michael A. Russ der Einstieg in die professionelle Arbeit als Fotograf. 1968 zog er in sein erstes Studio am Union Square, ganz in der Nähe von Andy Warhols "Factory". In "Max's Kansas City" sah man sich. Die pulsierende Metropole mit ihrer aktiven Kunstszene war der Nährboden für das Wachsen eines künstlerischen Anspruchs. Michael Russ war von Anfang an inspiriert durch eine besondere Affinität zum Film. Bereits seit seinen Ausbildungen in Tanz und Theater war der Film als Medium künstlerischen Ausdrucks in den Focus seines Interesses gerückt. Nun übertrug er das Sequentielle des Films als einen bedeutenden Aspekt in seine Fotografie. So spielten bei den Inszenierungen seiner Fotografien auch stets Überlegungen aus der Sicht eines Filmemachers eine Rolle. Die Fotos sollten nicht lediglich ein Abbild sein, sondern vielmehr Metapher für eine Geschichte. Er inszenierte seine Fotos oft ebenso akribisch wie ein Regisseur das Set für eine Filmszene.

Erotik, Schönheit und Reiz des weiblichen Körpers, subtil und auch zuweilen provokant in Szene gesetzt, ist das bestimmende Sujet seiner Fotografie. Bald schon zeigte Michael Russ einen eigenen, unverwechselbaren Stil in seinen Arbeiten. Der ursprünglich aus Gründen der Sparsamkeit verwendete S/W-Film, das grobe Korn und chemische Tönungsverfahren wurden charakteristisch für seine Arbeiten.
Oft ist es ein bestimmter Kontext, der in seiner Bild-Inszenierung besondere Bedeutung erhält. Sein unkonventioneller Stil findet zunehmend Beachtung bei den Agenturen, so dass er inzwischen auch mit Protagonisten der Szene arbeiten kann. Gelegentlich sind es Models, die auch Helmut Newton bevorzugte. Dessen Arbeit sieht er als Richtung weisend an. Auch Fotografen wie Duane Michaels und Bill Silano beeindrucken ihn. Ganz besondere Inspiration findet er auch im künstlerischen Schaffen von Man Ray. Wie bei ihm, wurde Paris auch für Michael ein Meilenstein in der künstlerischen Entwicklung.

Als Vogue Hommes 1980 eine Portfolio Präsentation "Michael Russ oder die Schönheit des Korns" titelte, war sein fotografischer Stil bereits als sein Markenzeichen etabliert. Immer mehr Zeit widmete er nun dem weiteren Experimentieren und der Perfektionierung seiner TinTones-Bilder, den Resultaten eines vielschichtigen Prozesses der Nachbearbeitung. Die Arbeit in der Dunkelkammer wurde neben der Entwicklung der eigentlichen Bildidee jetzt immer mehr zum wichtigeren Teil des künstlerischen Schöpfungsprozesses. Die Fotografie lieferte ihm lediglich das Ausgangsmaterial für die eigentliche bildnerische Gestaltung. Eine Abbildung der Realität ist für Ihn längst nicht mehr von Bedeutung. Vielmehr ist es die Imagination, die eine immer größere Rolle in seiner Arbeit spielt. Das abgelichtete Motiv, die inszenierte Realität, ist dabei nur die Vorstufe für seine eigentlichen Bilder.

Mit einer Vielzahl von gestalterischen Mitteln nähert er das fotografierte Abbild seiner Bildidee an. Den S/W-Fotografien fügt er die Farbe manuell hinzu und bringt damit den malerischen Aspekt in seine Bilder. Sein Verständnis von Malerei sei schon sehr früh von Bildern deutscher Expressionisten wie Kirchner und Beckmann geprägt worden, sagt er. Doch was den virtuosen Umgang mit der Farbe betrifft, verehre er Marc Chagall in besonderer Weise. Es sind die schöpferischen Prozesse des Abstrahierens, des kreativen Gestaltens, des Verfremdens und der Suche nach einem gültigen Ausdruck, die zunehmend seine Arbeit bestimmen und Bildschöpfungen hervorbringen, die Sein und Schein hinterfragen.

Michael Russ gehört Anfang der Achtziger in Los Angeles zu den Künstlern, die avantgar-distische Positionen in der Fotografie zeigen. So kommt es nicht von ungefähr, das Tom Waits ihn, für das Cover zu Swordfishtrombones und das Video zu "In the Neighborhood" engagierte, um seinen neuen musikalischen Ansätzen auch bildhaften Ausdruck zu verleihen.

Ab Mitte der Neunziger Jahre integrierte Michael Russ auch Elemente der digitalen Bildbearbeitung als zusätzliche Gestaltungsmittel in den TinTone-Prozess. Insbesondere die Arbeit mit mehreren Bildebenen bereicherte seine Arbeit nicht nur im formalen Sinne. In Michael Russ' TinTones findet sich heute nahezu das ganze Spektrum fotografischer Technologie wieder, vom Urtyp der Fotografie in Form von Fotogrammen über manuelle und chemische Tönungsverfahren, Solarisation u.v.m., bis zur neuesten Technik digitaler Bildbearbeitung. Lange Zeit hat er spezielle Druckverfahren getestet, die ihm eine addquate Umsetzung der TinTones-Technik gestatten und mehr als die pure Zweidimensionalitdt eines Fotodrucks vermitteln.

Seit etwa fünf Jahren können die TinTones nun in einem Spezialverfahren als Unikat oder in Auflage bis zu sieben Exemplaren auch großformatig auf Alu-Dibond Industrial übertragen werden. Sie reagieren in ganz besonderer Weise auf Licht und die Bewegung des Betrachters. Aus jeder veränderten Position resultiert auch eine neue Möglichkeit der Wahrnehmung und eine Interaktion zwischen Werk und Betrachter. So schafft Michael Russ mit seinen TinTones expressive, inspirierende Bilder, vielschichtig sowohl in Idee als auch in deren Visualisierung. Sie provozieren beim Betrachter das Herstellen neuer Zusammenhänge, aber lassen ihm dabei Freiraum für Interpretation und eigene Deutungen.






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